Wann ist ein Lüftungskonzept Pflicht?
Nach DIN 1946-6 ist für jeden Neubau und jede größere Sanierung (Fenstertausch oder mehr als ein Drittel der Dachflächen erneuert) ein Lüftungskonzept zu erstellen. Es prüft rechnerisch, ob der Feuchteschutz durch Infiltration und Fensterlüftung noch gesichert ist. Bei modernen luftdichten Gebäuden (n50 ≤ 1,5 h⁻¹) ist das fast nie der Fall — eine lüftungstechnische Maßnahme ist nötig.
Ohne Lüftungskonzept riskieren Bauherren nicht nur schlechte Innenraumluftqualität und Schimmel, sondern auch Baumängel: die einschlägigen Nachweispflichten sind seit Jahren Rechtsprechung bei Feuchteschäden.
Zentral, dezentral, hybrid
Zentrale Anlagen mit Wärmerückgewinnung (WRG) sind energetisch am effizientesten. Ein Gerät versorgt Zu- und Abluftbereiche über ein Kanalnetz und rückgewinnt ≥ 80 % (Kreuz-, Gegenstrom- oder Rotor-WT). Nachteil: braucht Kanalführung durch Decken oder abgehängte Bereiche.
Dezentrale Geräte (raumweise Push-Pull-Geräte) sind in der Sanierung oft die schnellere Lösung — keine Kanalführung, keine Deckendurchbrüche. WRG typischerweise 60 – 75 %, mehr Wartungsstellen, moderater Grundgeräuschpegel je Raum.
Hybride Konzepte kombinieren dezentrale Zuluftgeräte mit einer zentralen Bad- und Küchenabluft — für Sanierungen im Mehrfamilienhaus häufig die beste Balance.
Auslegung nach DIN 1946-6
Die Norm kennt vier Lüftungsstufen:
- Lüftung zum Feuchteschutz (nutzerunabhängig, gebäudetechnisch Pflicht).
- Reduzierte Lüftung (bei Abwesenheit, ausreichend).
- Nennlüftung (normale Nutzung, Standard-Betriebspunkt).
- Intensivlüftung (Kochen, Feiern, Feuchtelastspitzen).
Wir dimensionieren pro Raumart (Bad, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer) und legen die Zuluft- bzw. Abluftvolumenströme fest. Filterklassen typischerweise ISO ePM1 ≥ 50 % (früher F7) für die Zuluft.
Hygiene und Wartung
VDI 6022 setzt den Maßstab für Hygiene bei Lüftungsanlagen. Kernpunkte:
- Alle Komponenten zugänglich (Reinigungsöffnungen).
- Filterwechsel-Intervalle ≤ 12 Monate.
- Wärmerückgewinner inspizierbar, Kondensatabführung sauber.
- Kanäle glatt, korrosionsfest und desinfizierbar.
Für Wohnungsnutzer heißt das: Filter zweimal jährlich prüfen, Zu- und Abluftventile reinigen. Bei zentralen Anlagen sollte alle 2 – 3 Jahre eine Fachinspektion nach VDI 6022 stattfinden.
Wohnraumlüftung im Bestand
Nachrüstung im Bestand ist fast immer möglich — Frage ist nur wie. In Altbauwohnungen (Stuck, Deckenhöhen > 2,80 m) planen wir bevorzugt dezentral oder hybrid, um Deckendurchbrüche und Kanalführung minimal zu halten. In Sanierungsprojekten mit Innendämmung integrieren wir die Lüftung in die neue Vorwandinstallation.
